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ARCHIV GEWISSENSFREIHEIT
1996 - 2022
herausgegeben von Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.1 Philosophische Literatur
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Ernst Tugendhat
Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung. Sprachanalytische Interpretationen
Frankfurt (Suhrkamp), 1. Aufl. 1979

Man kann zu Handlungen und Absichten Stellung nehmen, indem man Stellung nimmt zu den Meinungen über Faktisches und den Wertvorstellungen bzw. Normen, die die Handlungen implizieren. Wenn man sich in dieser Weise in Frage stellend zu seinem eigenen handeln und Wollen verhält, kann man von einem reflektierten Selbstverhältnis sprechen. Dieser Begriff eines reflektierenden Selbstverhältnisses hängt zusammen mit der zweiten Bedeutung des lateinischen conscientia, das neben Bewusstsein und Selbstbewusstsein auch Gewissen bedeutet. Mit dem Begriff des reflektierten Selbstverhältnisses ist die Struktur dessen gewonnen, was wir ein autonomes Gewissen nennen, im Unterschied zu einem heteronomen Gewissen. Hier wird nun auch das epistemische Selbstbewusstsein relevant, das von dem Spruch gnothi sauton gefordert wird. (S. 31)

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Die Rede vom Ich bei Freud hat einen Vorläufer in Platons Vorstellung der Vernunft und der Leidenschaft als miteinander ringenden Instanzen in der Seele, wobei die Vernunft einerseits die Stelle der normativen Anforderungen (Überich) einnimmt als auch die Stelle der verantwortlichen Instanz, welche bei Freud als Ich bezeichnet wird. Denn in der gesamten Tradition von Platon bis vor Fichte bestand noch kein Anlass, zischen dem Überich und dem Ich zu unterscheiden, also zwischen heteronomem und autonomem Gewissen. (S. 149) Das gilt auch noch für Kant, der mit Autonomie noch nicht die Selbstbestimmung der Person als Person meint oder des Ich als Ich, sondern eine Selbstbestimmung der Vernunft. (S. 152)